Zucht und Ordnung

„Früher war das halt anders, da herrschten noch Zucht und Ordnung.“ So oder so ähnlich haben wir diesen Spruch alle schon mal gehört.

Und was soll ich sagen, bei mir herrschen auch Zucht und Ordnung.

Ein Blick unter meinen Esstisch genügt, dann ist klar, dass sich das so einiges züchten ließe. Klee, oder Pilze oder eventuell auch Bakterien für biologische Waffen. Es ist unglaublich wie meine beiden Krümelmonster den Fußboden zu einem Nährboden gestalten, bei dem jede Petrischale neidisch würde. Und da ich als Mama den Tag über am Herumwirbeln zwischen gefühlten 85 Mio. Dingen bin, schaffe ich es oft nicht, gleich nach jeder Mahlzeit sauber zu machen. Oder verschiebe es auf später, was dann leider oft genug dazu führt, dass ich es ganz vergesse und bei der nächsten Krümelmonstermahlzeit denke „Ach ja, da war ja was. Ich wollte ja mal unterm Tisch putzen.“  und es dann doch wieder lasse. Schrecklich, oder? Aber die Schmerzgrenze sinkt irgendwann und ich muss zugeben, dass mich die Sauerei unter dem Tisch gar nicht mehr so wirklich stört. Als meine Tochter neulich robbend ihre Speckmassen unter ihrem Hochstuhl durchgewuchtet hat, hatte ich wenigstens einen triftigen Grund, jetzt endlich mal den Besen zu holen., bevor der ganze Dreck an ihr haften blieb.

Aber es geht noch schlimmer. Meine Spülmaschine läuft jeden Tag – ohne das Ding würde ich Selbstmord begehen, ehrlich. Aber die großen oder empfindlichen Sachen wie meine Pfannen oder Weingläser stelle ich da nicht rein, die wasche ich per Hand ab. Irgendwann. Nachdem der Stapel an schmutzigem, nicht spülmaschinentauglichem Geschirr kurz vorm Umkippen ist. Heute habe ich, als meine Tochter nach einer vielfach unterbrochenen, ätzenden Nacht, ihr komatöses Mittagschläfchen hielt, kurz überlegt, ob ich mich, fertig wie ich war, einfach mal auf die Couch setze und nichts tue, oder ob ich mich dem Abwasch widme. Ich kann es selbst kaum fassen, aber ich habe mich für zweites entschieden. Und siehe da, aus der Pfanne, in der ich neulich ein chinesisches Gericht gezaubert habe, ruft mir ein weißliches-Grünes wuscheliges Etwas ein fröhliches „Hallo“ entgegen. War also wirklich an der Zeit den Abwasch zu machen.

Wenn ihr denkt es geht nicht schlimmer, festhalten, hier kommt es: Tagelang kam mir im Badezimmer ein seltsamer Geruch entgegen und ich habe mich stark gewundert wo der her kam, denn er war schon ziemlich penetrant. Aber ich dachte es sind entweder noch irgendwelche vollgepinkelten Sachen von meinem Sohn, oder die verschwitzen Sportsachen von meinem Mann, also kein Thema, ich wasche ja bald, solange halte ich den Geruch aus. Dachte ich. Aber der Gestank stieg dann doch exponentiell an und so hatte ich die superschlaue Idee, mal die Schmutzwäsche nach dem Übeltäter zu durchforsten. Je tiefer ich wühlte desto schlimmer wurde es und recht schnell konnte ich nur noch durch den Mund atmen. Und dann wurde ich fündig. Mein Sohnemann, der, wenn er mal ab und zu einen Becher Milch bekommt, auf meine Frage „Und was machst du nicht?“ schön brav antwortet „Den Becher umstoßen.“ hat genau das neulich – wie leider so oft – getan. Einmal quer durchs ganze Kinderzimmer, über das Laminat, den Autoteppich, die Wickelkommode und zwar so, dass die Milch schön die Schubladen runter- und leider teilweise auch reinfließen konnte, über das offene Bilderbuch und die aufgebaute Holz-Kugelbahn. Während ich – ich gebe es zu – eine Schreiattacke hatte und meinen Sohn zusammen schrie, heulte der laut schluchzend „Jetzt habe ich keine Milch mehhhhhr. Buhuhu.“. Ich habe mir zwei Mullwindeln geschnappt und die Bescherung aufgewischt. Die nassen Dinger habe ich meinem verheulten Sohn wutschnaubend in die Hand gedrückt und ihn gebeten sie zur Schmutzwäsche zu werfen, was er auch brav gemacht hat. Soweit so gut. Bis der Gestank auftauchte. Denn ich denke jeder weiß, Milch vergammelt recht schnell und stinkt dann bestialisch. Als ich mich also zu den Mullwindeln vorgewühlt hatte, habe ich Intelligenzbestie,  um sicher zu gehen, dass der Gestank auch wirklich von dort kommt, vorsichtig, wirklich vorsichtig an den Windeln gerochen – und mich fast übergeben. Die Dinger sind dann sofort in den Müll gewandert – und nein, sie duften jetzt nicht weiter im Müll vor sich hin. Ich war so schlau den dann gleich rauszutragen. Ein paar Hirnzellen funktionieren noch.

So. Zum Thema Zucht ist also jetzt  klar: Auch ohne Biologin zu sein, bin ich, wenn auch eher unfreiwillig, ganz groß im Züchten.

Nun zur Ordnung.

Denn bei mir herrscht tatsächlich Ordnung. Eine ganz spezielle Form davon, nämlich die allen bekannte UN-ordnung. Hier ein Beispiel (zusätzlich zu dem oben): Wenn ich morgens, nachdem ich schon zwei Stunden wach (oder sowas ähnliches) und am rumwirbeln bin, mehrere nervenaufreibende Diskussionen mit meinem Sohn ( in der Art von „Kann ich ein Eis haben?“ – „Nein. Es ist 7 Uhr morgens.“ „Aber kann ich trotzdem ein Eis haben?“ – „Nein“. Gefolgt von lautem Heulen) hinter mir habe und vom Kindergarten zurück komme, wuchte ich meine Mopstochter aus dem Kinderwagen, hieve sie mir auf die Hüfte und betrete die Wohnung. Und dann geht es los.

Ich quetsche uns in unserem engen Flur vorbei an einem etwa 1,20m langen, leeren Karton, der da schon seit Wochen liegt und sich einfach nicht selbst zum Altpapier bringen will, kicke mir die Schuhe von den Füßen, laufe weiter Richtung Wohnzimmer vorbei an der offen stehenden Badezimmterür, von wo aus mir ein dezenter Duft nach Urin entgegen strömt und denke, dass ich jetzt dann endlich mal die Waschmaschine, in der ich die vollgepinkelten Klamotten von meinem Sönchen von zwei Tagen gesammelt habe (ohne Windeln klappt ganz gut, aber eben noch nicht richtig gut), anschalten sollte. Im Wohnzimmer angekommen setzte ich meine Tochter auf der Krabbeldecke ab, was diese -natürlich- mit lautem Gebrüll quittiert, schließlich ist es nirgendwo so schön wie auf Mamas Arm, und beginne meinen Tanz. Zweimal im Kreis, einmal links rum, einmal recht, einen Schritt nach links, zwei vor, zwei zurück, und dann noch einmal im Kreis. Am Ende stehe ich da wie zuvor und meine Tochter guckt mich ganz entgeistert an und denkt sich wahrscheinlich „Zum Glück bin ich nicht mehr auf dem Arm dieser Irren.“ Das war mein Aufräum-Tanz. Kein Workout, kein Freudentanz, sondern mein Aufräum-Tanz, nur dass ich nicht hoffe, dass sich die Bude von selbst aufräumt, wenn ich tanze, so wie das ja beim Regentanz der Fall wäre (also Regen von selbst, nicht Aufräumen), sondern dass ich vor lauter Unordnung gar nicht weiß, wo ich anfangen soll und daher so umhertanze, weil ich immer, wenn ich einen Schritt Richtung Esstisch gehe, denke „Ach nee, die Küche sieht schlimmer aus“, also einen Schritt Richtung Küche mache und dabei merke „Oh Mist, das Fläschchen meiner Tochter ist unter die Couch gerollt, hol ich doch die erstmal“ und dann aber… Naja, ihr versteht was ich meine. Während ich dann den groben Dreck wegputze und meiner Tochter dabei beim Motzen zuhöre, fällt mein Blick unter den Esstisch und ich denke „Ihhh, da müsste ich jetzt aber wirklich mal putzen“. (Siehe oben).

Heute war ich fleißig. Ich habe die vollgepinkelten Sachen von meinen Sohn gewaschen, was jetzt echt notwendig war, nicht nur geruchstechnisch, sondern auch wegen Unterhosenmangels. Und klar. KLAR. Als ich ihn vom Kindergarten abhole werde ich fröhlich begrüßt mit den Worten „Mama, ich habe mir heute in die Hose gepinkelt“. Da bin ich doch glatt ausgeflippt vor Freude.

Außerdem habe ich heute gesaugt UND gewischt. Jawoll. Toll, gell? Unter meinem Esstisch hat es geblinkt und geblitzt. Und ich brauche es nicht zu erzählen, denn ihr wisst, was passiert ist, nachdem meine Kinder ihre Mittagessen beendet hatten. Genau. Die Zucht unter meinem Esstisch ist jetzt wieder in vollem Gang.

Na Mahlzeit.

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