Von Schwangerschaftsdemenz und anderen Hinverwirrungen

Denn ein ist klar: sie geht nicht mehr weg. Die Schwangerschaftsdemenz. Sie nennt sich irgendwann nur anders. Sobald das Baby raus ist heißt sie Stilldemenz.  Und später dann, nachdem das Baby schon viel größer ist und das Stillen bzw. Fläschchengeben passé, dann tarnt sie sich wiederum. Einen eigenen Namen hat die dann glaube ich nicht, aber das heißt nicht, dass sie deshalb verschwunden ist, die Gute. Sie wird nämlich statt dessen zu deinem ständigen Begleiter, deine neue beste Freundin sozusagen. Ich nennen sie mal Mutterschaftsdemenz. Denn das Hirn ist unwiderruflich beschädigt. Ok, das ist vielleicht ein bisschen krass ausgedrückt, aber dennoch ist es doch so, dass es nicht mehr ganz so funktioniert wie vor den Kindern.

Klar, irgendwie. Da hat man sich vorher beruflich eventuell mit schwierigen Themen beschäftigt, musste vielleicht viel rechnen, in fremden Sprachen kommunizieren, hat Geschäftsreisen ins Ausland unternommen, mit den verschiedensten Menschen und Charakteren zu tun gehabt und jetzt? Jetzt ist die einzige benutze Fremdsprache die Babysprache, statt ins Ausland pendelt man zwischen Küche, Kinderzimmer und Drogerie und das Rechnen besteht aus dem Zusammenzählen der pro Tag anfallenden Windeln. Mit verschiedenen Charakteren hat man jedoch trotzdem zu tun. Mit denen der Kinder: mal gut gelaunt und verschmust, mal dauermotzend und -heulend, mal fordernd mal zufrieden. Und man selbst entwickelt plötzlich auch verschiedene Persönlichkeiten. Mal die glücklich liebende Mama, mal der Hulk, der nicht grün sondern vor Wut knallrot anläuft und losbrüllt, als gebe es kein Morgen mehr, mal ist man Superwoman und muss die Kinderchen vor allem Bösen beschützen, wie dem bellenden und daher angstmachenden Nachbarshund oder dem Spielkameraden, der jetzt ganz plötzlich kein Freund mehr ist, weil er die heißbegehrte aber ihm gehörende Paw Patrol Figur nicht rausrücken will, mal ist man Mary Poppins und jongliert mit tausend Dingen gleichzeitig.

Zurück zum Hirn. Hier meine Demenzgeschichten der letzten zwei Tage. ZWEI, wohlgemerkt. Rechnet das mal hoch!

Wir waren einkaufen und beim Bäcker. Brezeln und einen Laib Brot haben wir gekauft. Danach ging es direkt in die Bücherei Nachschub besorgen. 45 Minuten später zu Hause dann schmiere ich dem Sohn Butter auf die Brezel und räume die Einkäufe weg, während er am Mampfen ist. Und DANN stelle ich fest: Mist, das Brot ist nicht da! Die Brezeln habe ich eingepackt aber aus einem unerklärlichen Grund das Brot nicht. Oh man. Also die Kinder wieder in ihre Stiefel und Jacken gestopft und fast 2 Stunden nachdem ich das Brot bezahlt habe, haben wir es dann beim Bäcker, wo es glücklicherweise auf uns wartete, abgeholt.

Und heute habe ich, nach ewigen Überlegen was ich den Kindern zu Mittag kochen kann, dann Reis auf den Herd gestellt. Angeschaltet und irgendwas anderes gemacht. Und plötzlich rattert und brodelt es los und das heiße, vom Reis milchigweiße Kochwasser, schießt aus dem Topf und verteilt sich über das ganze Ceranfeld. ICH HABE TATSÄCHLICH VERGESSEN, DASS WAS AUF DEM HERD STEHT! Unglaublich. Aber es kommt noch besser. Nachdem ich also die heiße Sauerei vorsichtig und zum Glück ohne Verbrennungen aufgewischt habe  – alles zu den Wohlklängen meiner heute mal wieder in Dauerschleife brüllenden Tochter – stelle ich den Topf wieder auf den Herd und schalte ihn erneut an. Meine schreiende Tochter ignorierend eile ich schnell zum Esstisch, um ihn endlich von den Frühstückskrümeln zu befreien, als DER TOPF AUF DEM HERD ÜBERKOCHT! Schon wieder! Keine zwei Minuten nach dem ersten Mal. Also so dämlich kann man nicht sein ohne vorgeschädigtes Hirn. Also erneut wischen, Wasser nachgießen, da der Reis durch meine sternekochmäßige Professionalität mittlerweile fast auf dem Trockenen sitzt, und nochmal den Herd anschalten. Und diesmal bleibe ich dabei und gehe nicht weg.

Mama sein macht also definitiv nicht schlauer. Ich könnte noch tausende solche Geschichten erzählen. Zum Beispiel die, wie ich auf dem Parkplatz des Supermarktes ankomme, den Motor abstelle und DANN merke, dass ich meinen Geldbeutel zu Hause habe liegen lassen, oder die, wie ich in der Drogerie die tausendundein Dinge, die man für Baby und Kleinkind eben so braucht, gekauft habe, um zu Hause festzustellen, dass ich die Windeln für Madame vergessen habe und sie daher die nächsten zwei Tage die zwei Nummer größeren Windeln ihres Bruder tragen durfte.

Aber ich bin nicht die einzige, deren Hirn nicht immer ganz mitmacht, scheint mir. Denn im Kühlschrank habe ich eine Packung Waffeln entdeckt. Die gehören da definitiv nicht hin und sind sonst eigentlich auch woanders beheimatet. Und sie gehören meinem Mann. Gleich heute Abend werde ich ihn fragen, ob er aus Solidarität zu mir nun auch an Mutterschaftsdemenz leidet.

Jetzt muss ich Schluss machen und meine Tochter ins Bett legen. Dass sie auch hier wohnt, habe ich nämlich zum Glück noch nicht vergessen.

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